Mount Abu (2)

TANZEN IM DILWARE TEMPEL

Was ist Wahrheit, die Wahrheit ?

Die Wirklichkeit ist jedenfalls, dass ich auf dem Klodeckel im Bad sitze, dieses Buch auf den
Knien, und auf der Suche nach Gestern habe ich, zum ersten Male außerhalb des Frühstücks Buffet , von den ich ausgehe, dass es auf die Verträglichkeit für Touristen hinlänglich geprüft ist, ein typisches rasasjtanisches Gericht mit Namen Dal Bhati gegessen und das mit durchschlagendem Erfolg. So ist der Einzug heute Nacht in das Bad nicht nur infolge der Gewohnheit- ich verbringe viele Nächte auf diesem stillen Örtchen, auf dem ich ungestört meine Gedanken aufschreiben kann, sondern hatte heute auch den Grund der unmittelbaren Entsorgung. Gestern las ich in der Zeitung einen Spruch von Bertrand Russel: Wer glaubt, dass seine Gedanken wichtig wären, sollte sofort einen Tag Ferien nehmen. Aber dieses unwichtige Zeug aufzuschreiben muss ihm auch Spaß gemacht haben, sonst hätte er es nicht so ausgiebig getan, einschließlich seines wohl wahren Spruches.
Aber zurück zur Wahrheit! Der Begriff geht mir nicht aus dem Kopf, nach dem wir zum zweiten Mal im Jains- Tempel Dilware waren. Über das Eintauchen in die allumfassende Schönheit der Marmorschnitzereien- denn geschlagenen Skulpturen sind diese Ba -Reliefs, dreiviertel –Reliefs , nicht- ist das Erlebnis der Klarheit überwältigend. Alle illusionären Vorstellungen werden beim Anblick dieses Tempels durch eine unsichtbare Hand abgestreift, ein Verfliegen der Gedanken in transzendentale Räume wird durch den Anblick dieses ganz irdischen, heiteren, dem Leben offensichtlich hingegebenen Figuren versagt, Man bleibt dieser Welt ganz verbunden, taucht nach Stunden immer tiefer in diese Wirklichkeit ein, wird befreit in diesem frohen Lebenstanz. Der ganze Tempel scheint zu
tanzen, ohne narkotisierende Wirkung, ein fröhlicher Tanz des Diesseits. Hier bist Du Mensch, hier darfst Du ´s .... Goethe wird mir eine Ohrfeige verpassen, seine Worte hier zu missbrauchen, oder doch nicht? Ich wäre gern mit diesem sinnenfrohen Menschen durch den Tempel gegangen. Er hätte Worte gefunden, die mir versagt sind. Aber
so habe ich das Recht, ihn zu zitieren, wenn auch nicht immer glücklich. In diesem Tempel war ich glücklich, ganz im Diesseits , ohne Ab- und Umschweife. Ich blieb lange stehen vor der Reihe der fein geschnitzten Holztüren , hinter denen die 24 Statuen der Weisen und Gründer des Jainismus ruhen, habe beide Türen leicht geöffnet und einem von ihnen in seine offenen Augen geschaut. Das sind nicht die geschlossenen Augen Buddhas in tiefer Versenkung, das sind nicht die übergroßen Augen sizilianischer Romanik, das sind wache Augen, klare Augen, feste Augen der Wahrheit, dem Diesseits zustimmende Augen. Man möchte die tanzenden Mädchen als bezaubernd beschreiben, nein, sie üben keinen Zauber aus, sie sind ganz wirklich tanzend da, das ist kein orientalischer, geheimnisvoller
Schleiertanz, das ist die ganze heitere Wirklichkeit, das frohe Dasein. Tanze , und deine ganze Trübsal ist vergessen, lebe im Tanz .Die Elefanten tanzen mit. Sie legen ihren Rüssel in die Gabel der Stoßzähne des Nachbarn, heben ihre schweren Füße, winkeln sie graziös, fast kokett an, und tanzen im Reigen mit.. Sie bilden mit ihren Rüsseln Girlanden wie Blumenketten., halten sich an den Rüsseln wie Kinder sich bei ihren Händchen halten im Tanz. Tanze mit ! Singe mit den Musikanten, hörst du die Musik ? Das sind keine mystischen Gesänge, das sind irdische Klänge, einfach schöne Weisen, ein schöner reiner Gesang, ein von aller Last befreiender Gesang, ganz locker, ganz frei! Da s ist nicht der überwältigende Krakoviactanz zum Schluss der Appasionata, der alle Fesseln zerreißt, der Aufschrei im Tanz. Nein, viel lockerer, viel leichter. Tanzen und Singen. Leben. Das Leben ist schön ! Du musst nur tanzen, tanzen!
Wenn mir nur nicht so übel wäre von dem vielen aufgekochten heißen Wasser im Bauch, in dem das rasajthanische Essen Dal Bhati durch die Gedärme gespült wird.

ImTempel:
Sobald sie im Oktogon den Kopf erhoben haben, und die Herrlichkeit der gewölbten Decke gesehen haben, lassen sich die Inder sofort zu Boden sinken, schauen noch eine Weile entspannt um sich und beginnen zu schwätzen. Sie fühlen sich wie zu Hause und würden sich gern hier einnisten, wenn nicht der Wärter sie wie die Tauben vom Schwimmbad im Hotel lauthals verscheuchen würde.