Australien (20)

SEHNSUCHT NACH DEM SPARGELBEET

Ich bin mir nicht sicher, ob ich je gewagt habe, das Spargelbeet zu beschreiben. Diese Szene aus der frühen Kindheit ist ein Bestandteil meines täglichen Lebens geworden , wird immer wieder herbeizitiert und von Gehirnzelle zu Gehirnzelle weitergegeben , um ein bestimmtes Lebensgefühl wieder zu erwecken. Ich habe mehrmals den Anlauf gemacht, Spargelbeete nach ihrer Ernte , wenn die Spargelstangen durchgeschossen sind und zu kleinen Miniaturbäumchen aufwachsen und die sich im Winde wiegenden Spargelwälder bilden, zu photographieren , um meine Erinnerung an dieses ruhige und feste Lebensgefühl noch enger an mich zu binden- aber immer wieder habe ich davon Abstand genommen, weil ich wusste, dass ich dann mein Lebensgefühl literarisieren und ein für alle mal zerstöre. Und auch aus diesem Grunde habe ich das Spargelbeet nie mehr erwähnt- es aber ständig vor mir gehabt.
Jetzt bin ich alt und habe Angst, es zu vergessen, dass diese Szene meines Lebens auf der Bühne des täglichen Ablaufes verloren gehr und damit nicht nur das Gefühl, sondern auch die Erinnerung an dieses Gefühl. Ich werde es nicht beschreiben können und will es auch nicht, sondern ich will nur Spuren für das Gedächtnis nach diesem Gefühl legen.

Heißer , staubiger Sommer in Wietzetze. Ich liege auf dem Rücken in einer Furche im Spargelbeet. Der Spargel ist hochgewachsen , die Ernte, die Arbeit , das aufgeregte Einbringen nach dem Spargelstechen am frühen Morgen vergessen, die Sonnenstrahlen spielen mit den seidenweichen Ästchen des Spargelstrauches , die der Wind in ein gleichmäßiges Wiegen des Stammes in einem betörenden Rhythmus schwingt .
Meine Augen blinzeln in die Sonnenstrahlen und schließen sich gleich wieder, um sich dem Schattenspiel auf den Augenlidern hinzugeben. Die Wärme durchdringt den ganzen Körper und der Staub legt sich wie Wunderpuder auf die Haut. Es ist Sommer!
In die aufgeworfenen Hügel hatte ich Straßen und Höfe für meine Mitmenschen gegraben, die, genauso groß wie ich, unter den Spargelbaumkronen lebten und Geschichten erzählten, Zwiste um ihre Pferde austrugen und mit Hunden spielten. Die andere Welt, die der lauten Stimmen, gab es nicht. Manchmal begegnete ich ihr in den überdimensionalen Fußstapfen des Bauern oder meiner fremden eigenen nackten Füße.
Die Zeit schien unendlich, der Raum eng um meinen Leib gespannt. Außer den Fußstapfen gab es nichts Fremdes in dieser kleinen Welt, die nur mein Eigen war, wo ich zu Hause war, in meiner Heimat.

Viel hat dieses Gefühl mit der Benommenheit des Sommers, den rhythmischen Lichtreflexen auf den Augenlidern zu tun, aber dies es alles sind nur die physikalischen Randbedingungen , die auslösende Funktionen haben können. Was das Heraufbeschwören dieses Lebensgefühls für mein tägliches Bewusstsein ausmacht, ist das Entscheidende:
Das Bewusstsein zu schärfen über die alltägliche Erfahrung hinaus in eine abgehobene Welt der Phantasie, in der sich die Realität verewigt.
Diese Realität , dieses Vereinen mit der lebendigen Natur nach der Hast der Arbeit wiederzufinden, ist das Ziel dieser immer wieder mit Mühe gefundenen Versenkung. Hier finde ich meine Bilder, hier finde ich womöglich meine Heimat, wenn ich denn mal zu Hause ankomme, wieder im Spargelbeet der frühen Kindheit.

Ich habe schon einmal vom Spargelbeet erzählt ! Mein verehrter Lehrer auf dem Gymnasium, Herr Dr. Lennert, der uns später verlassen hat und eine Professur in Berlin angenommen hat - was in unseren Jugendaugen etwas Außerordentliches war - hatte uns zur Aufgabe gemacht, von einem Tag auf den anderen eine Geschichte aus unserer Kindheit aufzuschreiben. Damit zollte er uns Respekt vor unserem, zwar noch jungen, aber für uns bedeutenden Alter und er entlockte uns Reflexionen über das eigene Leben. Er war ein guter Lehrer. Ich hatte den Klassenkameraden schon vor dem Unterricht mein vollgeschriebenes aus Heft gezeigt und ihre Neugier geweckt. Sie kannten meine spannenden Räubergeschichten aus Böhmsholz , wo wir gemeinsam im Jugendlager zur Nacht Geschichten erfanden , um uns das Einschlafen möglichst gruselig zu gestalten.
Als Dr. Lennert dann fragte, wer seine Geschichte vor der Klasse vorlesen wolle, zeigten alle mit dem Finger auf mich, und etwas verlegen las ich das ganze Heft vor, und alle lauschten gespannt. Es war die Geschichte des Spargelbeetes, das Bewusstseinerwachen meiner Kindheit. Als ich das Heft wieder geschlossen hatte, schwiegen alle, auch etwas verlegen ob der starken Emotionen, aber ich war in der Klasse angekommen.
Dr. Lennert fragte mich, ohne vorher ein Urteil abgegeben zu haben, ob ich ihm die Geschichte schenken würde und ihm das Heft überlassen würde. Ich gab es ihm schweigend mit einem Gefühl großer Dankbarkeit .Das Pausenzeichen klingelte und die fast peinliche Begebenheit fand ein abruptes Ende . Aus der Klasse kamen Reaktionen wie mit auf die Schulter klopfen und Daumen heben. Ob Herr Dr. Lennert das Heft noch hat ?

>Australien- Weg nach Hause

Ich bin auf dem Weg nach Hause. Der Weg begann auf der Burgwallschanze und das Ziel musste aus dem rohen Klotz emotionaler Vorstellungen herausgehauen werden. Es ist viel Schutt angefallen beim Aufbau der Schanze als Bauwerk und der Beseitigung vom Ballast, welchen das Erwerbsleben aufgehäuft hatte. Es ist aber nichts zerschlagen worden ,was man gerne behalten hätte. Es waren Befreiungsschläge , die nur scheinbar Unüberwindbares in Container verfrachtet haben
Nun ist es stiller auf der Burgwallschanze geworden. Die Anfangsstürme haben sich gelegt. Friede soll einkehren !
Und der letzte Weg geebnet und angelegt werden:
Es geht nach Hause, die neue Heimat zu gestalten. Es gibt noch viel zu tun, aber in Ruhe und Geduld !
Hoffentlich bleibt mir noch ausreichend Zeit, alle zu verwirklichen, was in meiner Phantasie „Heimat „ heißt !