Udaipur 20.03.2008

INDIENBILD

Habt Ihr Indien kennen gelernt ?

Nein, die Frage muss heißen: Wie habt Ihr Indien kennen gelernt!? Wir sind als Touristen auf dem vorgeschriebenen Trampelpfaden im Fond eines klimatisierten Wagens mit Rundum- Blick durch die Gegend kutschiert worden, haben vieles gesehen, wurden bei Besichtigungen der angekreuzten Sehenswürdigkeiten geführt und beschützt- die Fremdenführer sind gleichzeitig Bodyguards - , haben in eigens für Touristen neu erbauten internationalen Hotels, oder extra für den Tourismus hergerichteten Palästen der Maharadschas gegessen und geschlafen- und sind erschrocken über das, was wir am Rande mitbekommen haben. Indira Gandhi hat gesagt: Indien, das ist nicht das Land. Indien, das sind die Menschen.

Vielleicht hat Leibniz, der ja viel gereist ist, als er aus dem kleinen Seitenfenster blickend die Welt an sich vorüber ziehen sah, in der Kutsche die Monade erkannt. Er erkannte die Begrenztheit menschlicher Fähigkeit, mit der Welt Kontakt aufzunehmen , sah das als Einschränkung der Erkenntnismöglichkeit- Hat er das auch als Wohltat gesehen, als Möglichkeit ,der grausamen Wirklichkeit zu entgehen ?

Ein Auto, so entwickelt, dass Touristen den weiten Ausblick aus einem sonst hermetisch abgeschlossenen Raum des Autofonds haben, gibt diesen Schutz gegen die Umwelt nicht mehr. Gnadenlos dringen die Bilder von Außen in Augen und Hirn und verwirren die Sinne.

Man versucht, die Augen zu schließen, aber man ist der Faszination dieser erschreckender ,oft grausamen Bilder des täglichen Lebens verfallen, man kann ihnen nicht entgehen. Wird man genötigt, die Isolation zu verlassen – man ist ja gekommen, um teilzuhaben- ist man der Situation ausgeliefert und schämt sich . Man ist fehl am Platze. Man gehört hier nicht hin. Man gehört nicht in die protzig zur Schau gestellte kitschige Pracht eines unendlichen Reichtums, man gehört nicht in die erschreckend trostlose Armut auf der Strasse.
In den Tageszeitungen Delhis wird zurzeit heftig der Slum-Tourismus diskutiert. In Delhi werden Touristen Sight- Seeing-Tours durch die Slums angeboten.. Warum soll man die Armut nicht ebenso der Welt zeigen, wie den Reichtum?

-Hass in den Augen-

Ich werde jeden Satz vermeiden, der aus einem der Reiseführer entnommen sein könnte.

Ich möchte nichts beschönigen. Es gibt nichts zu beschönigen. Es stehen die Kontraste in einer offenen Härte gegeneinander, in einer für unser Lebensgefühl unfassbar grausamen Härte.

Ich habe lange nach einem Verständnis gesucht. Ich glaube jetzt: Es ist der Lebenskampf.

Ein von allen Beteiligten im täglichen Leben unerbittlich ausgefochtener Lebenskampf. Für den Armen in der Gosse, der mit der heiligen Kuh im Straßenmüll um etwas Essbares kämpft, geht es ums Überleben, ums nackte Überleben, ein erbarmungsloser Kampf -, für dem unermesslich Reichen geht es um noch mehr Reichtum, um grenzenlosen Reichtum, ein gnadenloser Kampf der Gier. Wie wird das Kastenwesen noch gerechtfertigt? Formal abgeschafft ist es.
Und das andere Indien ? Das Indien der Reiseprospekte ? Die Tempelanlagen ? Die Wirklichkeit des religiösen Lebens ? Das Land ? Die Leute ? Die bunten Saris ? Die heiligen Kühe ? Auch das alles gehört in das Spiegelbild Indiens. Nur ist der Spiegel zerbrochen, in
tausend einzelne reflektierende Splitter zertreten , die nie ein Ganzes ergeben .

Du sitzt in einem funkelnden Spiegelsaal und möchtest ein Bild aufnehmen, aber der eigene Flash überblendet das Gesehene.

Indien zeigt kein Gesicht, hat kein Antlitz!

Es sind viele Welten, die Indien geprägt haben.
Und der Rest der Reise ist die Begegnung mit der Natur, gemeinsame Sonnenauf- und -untergänge, blühende Gärten, Berge und Seen, - wie überall auf der Welt, und es ist eine Reise in dein Inneres.