Jaipur 25.02.2008

GOLDENES DREIECK

Erst auf der stundenlangen Fahrt von Agra nach Jaipur durch die fruchtbare Ebene – alle Felder sind bestellt, soweit das Auge reicht – ist der landwirtschaftliche Reichtum Rajasthans sichtbar geworden. Auf der Fahrt von Delhi nach Agra sind die verheerenden Auswirkungen der riesigen Großstadt auf die Landschaft zu sehen.
In dieses sog Goldenen Dreieck zwischen diesen drei Städten sind nun über Jahrhunderte die raubenden und sengenden Horden unter heute als Feldherren gepriesenen Anführern eingebrochen und haben es ausgebeutet. Man kann diese Geschichten über Einfällen von Ariern, Hunnen und , Persern , Türken, baktischen Griechen gar nicht ertragen. Sie ähneln sich so sehr, sind nur grausam und handeln von Okkupation, Raub und Mord .Sie werden verherrlicht in Geschichten bei Führungen durch die Paläste und voller Stolz zeigen Inder die hypertrophen Bauten der Moguls , doch wohl ihrer Unterdrücker, der Ausbeuter ihres fruchtbaren Landes. Aber so wird Geschichte überall geschrieben.
Wir stehen als Touristen, als Freizeitenthusiasten in den architektonisch faszinierenden , in der Ausstattung unvorstellbar reichen Palästen und sog . heiligen Stätten , die auch nur der
Verherrlichung der Macht galten, fassungslos , ohne jedes Nachempfinden, im Hinterkopf laufen die Endlosbilder der langen Fahrt des Tages .Bilder von Menschen in schönen Kleidern im Müll, verkrochen in einer von Wunden verkrusteten Erde , in Orten, in denen sie vegetieren .Man atmet auf, wenn der Blick diesem Elend ausweichen kann und auf dem gedeihenden Grün der Natur ruhen kann.Man rumpelt durch ständig hupende Autos über eine endlose, scheinbar völlig unorganisierte Baustelle eines späteren Highways und schaut in das Elend an der Strasse. Frauen , in wunderschöne farbige Saris gehüllt, schlagen mit Eisenstangen Löcher in den Boden, oder
tragen aufrecht wie Göttinnen , Kyriatiden des Erechtaions , Baumaterialien auf dem Kopf über die Baustelle. Man möchte den Schutt, den Müll an der Strasse und den unendlichen Dreck um sie herum übersehen. Aber gerade diese Bilder der kranken, verschorften , aufgerissenen und verseuchten Erde bleiben schmerzhaft im Gedächtnis haften. Man kann diese Bilder nicht verstehen, nicht verkraften. Das Hirn blendet immer wieder Filme ein von Orgien in den Palästen, Morden auf den Schlachtfeldern , Intrigengeflüster in dunklen Ecken der überreichen Paläste, die im Glanz ihrer Edelsteine untergegangen sind und deren goldene Dächer eingestürzt sind, - von Menschenhand gebaut, von Menschenhand zerstört.
Und nun nagt die Erosion an den Oberflächen und überdeckt die grausame Geschichte mit der Patina des Vergessens .Heilen durch Vergessen!
Vielleicht ist es so schmerzhaft und führt zu einem grenzenlosen Mitleiden, weil die Geschichte so nahe dem eigenen Leben ist, diesem unbewältigtem Prozess des Aufbauens und Zerstörens, diesem Schicksal, das man mit Sysiphus und Tantalus teilen muss.Papst Benedikt hat in seiner Schlichtheit der Jugend zugerufen:
Ohne Gott geht es nicht!

Indien wird ohne seine Religionen nicht leben können, ohne ganz zu verzweifeln Das arme Teil des indischen Volkes , auch schon in Generationen zu einem Völkergemisch verwachsen, ist wohl immer das Volk der Unterdrückten gewesen. Vielleicht nur, weil sie einen fruchtbaren Boden beackerten und Soldatenheere von Tausenden von Söldnern ernähren konnten und soviel ernteten, dass auch sie selbst überleben konnten, wenn auch in grenzenloser Armut. Sie kamen aus dieser Armut nie heraus, weil auch die eigenen Herrscher die Grausamkeit der Okkupation von den fremden Eindringlingen übernahmen und die Menschen ausbeuteten Alle Gedanken drehen sich um diese Ausbeutung , um diese unfassbare Grausamkeit, die Menschen zu Unberührbaren erklärte , in Kasten einteilte, die undurchdringlich waren, erbarmungslos zum Schicksal erklärte.
Die Gesetze der Demokratie verbieten bei Strafe die Diskriminierung der Unberührbaren.
Vielleicht ein Hoffnungsschimmer. Die Würde des Menschen ist unantastbar, steht in unserem Gesetzbuch.