Australien (14)

ERSTE ERGEBNISSE DER LEHRSTUNDEN IN STADTENTWICKLUNG

1. Erosion und Verfall und Umnutzung der Bausubstanz:
Nimmt man das mittlere Alter eines Gebäudes mit einhundert Jahren an- und das ist sehr hoch gegriffen, gegen gerechnet mit einer Nutzungsdauer eines Gebäudes mit maximal fünfunddreißig Jahren – dann wird jedes Jahr ein Prozent der Bausubstanz erneuert, wenn Städte weder wachsen noch schrumpfen. Nimmt man die
Abnutzung der Gebäude durch Umnutzung in zentralen Standorten nochmals mit einem Prozent an, verdoppelt sich der Erneuerungsbedarf.
Wie schwer es ist, Gebäude über einen Zeitraum von einem Jahrhundert zu erhalten zeigen die wenigen Beispiele an erhaltener Bausubstanz aus der Pionierzeit in Australien., und diese erhaltenen Gebäude sind von Grund auf ständig erneuert worden und wirken sehr fremd in der sie heute umgebenden Bebauung, wenn man sie in im historischen Rahmen sehen will.

2. Erneuerung- Stadtentwicklung aus dem Bestand heraus:

Dieser Begriff ist ein Irrtum, wenn man den Erosionsprozess auf den Gesamtorganismus einer Stadt bezieht. Aus einem Erosionsprozess Entwicklungen ableiten zu wollen, ist eine absurde Vorstellung. Sie entspringt der Illusion des einzelnen Menschen, seine für sich erkämpfte, errungene Umwelt unverändert erhalten zu können und für die Zukunft konservieren zu können. Es verkennt dabei den Verfall der eigenen Person ,die Veränderung aller Lebensumstände und die ständige Wandlung in seinen eigenen Vorstellungen und Gedanken.

3. Evolution in der Natur:

Die Natur kennt kein Erhalten und Bewahren – die illusorische Zielsetzung der Konservatoren, die gegen die Zeit auch nur verlieren können. Die Natur entwickelt sich durch ständige Genmanipulation in neuen Quantensprüngen.. Dass daraus ein scheinbarer kontinuierlicher Prozess wahrgenommen wird, ist nur eine Illusion der Größenordnung, die gedanklich übergestülpt wird. Die Natur entwickelt auf Gedeih und Verderb!

4. Und wie geschieht Stadtentwicklung in einer bestehenden Stadt?

Stadtentwicklung geschieht nicht, sie wird gemacht. , durch Menschen erdacht und in die bauliche Realität umgesetzt. Es existiert kein Erhaltungsprozess- es existieren nur Erosion und Verfall nicht nur der Bausubstanz, sondern aller Funktionen in der städtischen Verflechtung. Unterlässt eine menschliche Kraft, die Verhältnisse zu ordnen und zu stabilisieren, setzt sofort der Verfall in Sinne der Entropie ein. Es ist ein kräfteverzehrender Aufwand nötig, um den Bestand ständig zu erneuern. Daraus ist aber noch keine Weiterentwicklung herzuleiten.! Weiterentwicklung erfordert neue Konzeptionen und größere Kraft, diese zu realisieren.
Das klingt sehr einfach und banal, ist aber von gravierender Bedeutung für die Planung.
Es heißt im Endeffekt, dass jede Stadtentwicklung auf grundsätzlich neuen gedanklichen Ansätzen beruht, aus Ansätzen, die über den Bestand hinausgehen und das Bestehende, da es nur einen Ort gibt, an dem es passieren wird, angreifen und zum Mindesten teilweise zerstören wird, d. h. Stadtentwicklung geht immer einher mit der teilweisen Zerstörung der existierenden Stadt. Inwieweit bestehende Relikte der bisher existierenden Stadt nun ,da eine neue Stadtplanung entwickelt worden ist, eingebunden werden können, ist nur ein Frage des zu verkraftenden Anteils toter Menge. So sind auch alle erhaltenen Bauteile der alten
Stadt in den neuen Städten erst einmal funktionslos oder nur noch Appendices im neuen Funktionsnetz. Das Alte ist seiner ursprünglichen Funktion beraubt und existiert nur noch als Relikt im Neuen. Dieser Gedanke ist in seiner Konsequenz erschreckend. Eine Stadt kann nur immer wieder neu konzipiert werden, egal wie weit von der existierenden
Form der alten Stadt entfernt. Das alte Stadtrelikt wird zerstört werden, oder nur als Illusionsbild im Stadtbild künstlich erhalten bleiben, wenn nicht eine neue Funktion in ein von Grund auf restauriertes Gebäude implantiert wird, egal wie weit weg von der ursprünglichen Funktion.(. Bankgebäude zu Spielbank in Melbourne, Bahnhof zu Spielbank in Adelaide,- endlos kann die Aufzählung fortgeführt werden. )

5.Stadtentwicklung in Cairns, Brisbane, Sidney, Melbourne- und nicht in Adelaide

Cairns: Über den rektangulären Grundriss einer Stadt mit fast durchgehend zweigeschossiger Bebauung wird:
a) ein Karree mit einem riesigen zweigeschossigen shopping-center überbaut, vollklimatisiert...
b) am Ufer des Küstensumpfes eine kilometerlange Esplanade angelegt, für eine großen Anzahl von zukünftigen Touristen
c) die alten Kaimauern des stillgelegten Hafens mit mehreren Luxushotels bebaut
d) die alte Hauptachse durch die Stadt vom Bahnhof zum Hafen, nun vom Einkaufszentrum, zu einem riesigen Schwimmbad vor der Küste umfunktioniert, für eine große Anzahl zukünftiger Touristen...
e) ein großer Flugplatz gebaut, für.....
Diese Maßnahmen sprengen die Dimensionen der alten Stadt, integrieren die alten Reste der Bausubstanz, funktionieren sie um. Es ist eine neue Stadt auf der alten Stadt entstanden. Der große Rest des Altbestandes funktioniert auch noch in seinen alten Bezügen, wird aber ausgerichtet auf das zu erwartende Neue.
Die Entscheidungskraft der planungspolitisch Handelnden ist ebenso zu bewundern wie die Gestaltungskraft der Planer.
Cairns ist eine neue Stadt, in einer neuen Dimension, einem neuen Image, einer neue n Bedeutung, eine aufstrebende Stadt. Das alte Cairns ist Geschichte in der neuen Stadt , ablesbar geblieben an baulichen Relikten,
Cairns ist eine Stadt voller Phantasie und Vorstellungskraft und einer Portion Nostalgie

Brisbane: Eine Backpacker-Stadt ist uns avisiert worden, gefunden haben wir eine gänzlich durch dekonstruktivistische Trümmerarchitektur versaute B tachpacker-Idylle und eine neue Stadt Riverside , so neu in Dimension und Gestalt, dass es einem den Atem verschlägt. Der alte Hafen hat wegen der Dimension der neuen Containerschiffe, die nicht mehr die Hafeneinfahrt passieren konnten, seine Funktion verloren, die Kaimauern sind abgerissen und an Stelle der Hafenschuppen steht eine neue Stadt aus Wolkenkratzern mit 40 bis zu 60 Geschossen , Büros, Apartments ,Hotels, in den unteren Geschossen neben den erforderlichen Servicefunktionen Restaurants, Läden und Entertainment auf mehreren Ebenen .Insgesamt ein architektonisches Glanzstück von Harry Seidler . Bewundernswert die Zukunftsvision der Bauherrn. Wer wohnt und arbeitet in Riverside-City? Russen, wurde uns zugeraunt, gesehen haben wir im Straßenbild Menschen aller Nationen des pazifischen Raume, das Bild einer Weltstadt. Brisbane, die bis zu diesem Zeitpunkt ohne Riverside-City existierende Stadt wird weiterhin als Stadtteil funktionieren, wie es die immanente Kraft dieses Stadtteiles vermag .und sich dann in etwas Neues verwandeln.

Sydney: Mit der Prämierung des Entwurfes von Jörn Utzon für das Opernhaus hatte Sydney seinen tiefgreifenden Kulturschock. Der gesellschaftliche Skandal , der dadurch entfacht worden ist , ist erst heute mit der Beauftragung des Sohnes von Jörn Utzon mit der weiteren Planung des Ausbaues, nachdem australische Architekten kläglich gescheitert sind , überwunden . Jörn Utzon kommt nicht mehr nach Sydney, zu tief ist er verletzt worden.
Sydney wird heute, wie es scheint, systematisch zu einer Weltstadt für neu hinzuwandernde Weltbürger entwickelt. Die Projekte des letzten Jahrzehnts haben in ihren Dimensionen, in ihrer im internationalen Stil entworfenen Gestaltung, diese Stadt von Grund auf so radikal verändert, dass man der Beschreibung Sydneys immer eine Jahreszahl beigeben muss. Die Beschreibung , die wir von Freunden vor der Reise mit auf den Weg bekommen haben ,deckte sich nur noch in einzelnen Stadtbereichen, ganze Stadtteile sind neu entstanden, wie z.B. Darling Harbour . Mit großer Bravour und Könnerschaft ist ein Stadtbild aus einer Phalanx von Hotels , Apartments, und einem Kongresszentrum einer großzügige Platzgestaltung , auf das alte Hafengelände gesetzt worden, und scheint von ersten Tag an zu funktionieren. Weltstadtniveau von einer einmaligen Faszienation. Mit welche Freude die Einwohner Sydneys aus allen Nationen dieser Welt das 100-jährige Bestehen ihrer berühmten Brücke feierten, war sehr beeindruckend. Sydney ist nicht erst durch die letzten großen Projekte zur Weltstadt geworden und es wird nun zu einer bedeutenden Metropole des pazifischen Raumes gemacht werden. Die Gründe für diese Expansion sind vielfach beschrieben , aber auch Naturkatastrophen in anderen Kontinenten, Kriege, die zur Flucht der Bevölkerung führten und politisch unsichere Lagen wie z.B. China/ Hongkong, sind die Auslöser für die Einwanderung im großen Stil. Das Immigrationsmuseum in Melbourne hat die Einwanderungsschübe sehr detailliert beschrieben.
Sydney wird entwickelt von international arbeitenden Könnern.

Melbourne: In Melbourne ist auf die alten Straßenkarrees unter Erhalt der Straßenrandbebauung , soweit sie nicht verfallen oder wertlos war, Hochhäuser in gänzlich neuen Dimensionen aufgesetzt worden. Diese prinzipielle architektonische Lösung haben wir schon in Wellington in Neu Seeland gesehen, und waren sehr erstaunt über den architektonischen Gleichklang, der durch die direkte Konfrontation der Gebäude unterschiedlicher Dimension entsteht.. Erst Skepsis, dann nach längerer innerer Diskussion im stillen Kämmerlein Zustimmung zu dieser Lösung, in der gekonnten Durchführung in Melbourne als beste Lösung empfunden.
Neben dieser so mit Hochhäusern aufgepfropften Innenstadt ist eine South Bank für die nächste Einwanderungswelle- man erzählte uns von Hongkong Chinesen , die sich im Rialto, dem höchsten Hochhaus ansiedeln- gebaut worden. Auf den Straßen wieder Weltbevölkerung wie in Sydney, Brisbane, Cairns. Die South Bank ist ein gelungener Stadtteil geworden mit der großartigen Uferpromenade auf der Sonnenseite, die mittags zu dem lebendigsten Ort in der Stadt wird.
Und nun noch im Entstehen: Melbourne Harbour. Aufheben des alten Hafens und Entwicklung eines wiederum neuen Stadtteiles für eine neue Bevölkerung. Hochhäuser für Apartments , Hotels und Büros et cetera . In der Erdgeschosszone ein- bis dreigeschossig Service am Wasser, grandios gestaltet, viel Kunst im Stadtraum und Grün, Grün, Grün, Baumalleen und Parks. Ohne weiteren Kommentar. Perfekt.

Und warum Adelaide nicht ? Ein kompakter Grundriss, auf dem Reißbrett entstanden und unverändert in der weiteren Entwicklung strikt eingehalten bis auf eine Anreihung von Kongresszentrum, Museum, Hotel an einer sehr attraktiven Uferzone des kleinen Flusses- Konzept der 50- 60 –er Jahre, tote Hose an einem der schönsten Orte der Stadt .Aus irgendeinem Grunde selbstbeschränkt. Vielleicht der Reißbrett Grundriss des Gründers diese Stadt? Vertane Chancen!

Und was werden nun Kingston und die kleinen Hafenstädte an der erlebnisreichen Südküste zwischen Melbourne und Adelaide machen ? Werden sie am Boom partizipieren, und wenn , in welcher Form ? Oder werden sie verlassen werden oder dahindümpeln. Die Seestädte an der Ostküste werden hochrangige Touristenzentren, bzw. sind es schon geworden. Aber die Städte an der Südküste ? „ Schön und kaffeebraun sind alle Frauen von Kingston Town !“Das wird zu wenig sein für eine Stadtentwicklung, die offensichtlich gewollt, aber noch in den Ansätzen stecken geblieben ist.
Kingston: Da gibt es einen auf eine Profilstahlsäule in den Himmel gehobenen
Trecker, da steht ein überdimensionaler, ich schätze über zehn Meter hoher, schrecklich angemalter Lobster am Straßenrand, Zeichen für ein Fischrestaurant, da gibt es ein Inselchen mit Kunstwerken : zum Auftakt einige Seelöwen, die sich im Ringkampf umeinander winden- ganz naturalistisch dargestellt und in Bronze gegossen- dann eine Reihe geformter Steine, nummeriert von eins bis zehn ,ganz abstrakt und modern gemeint, dann gibt es den obligatorischen Gedenkstein für die Gefallenen des ersten und zweiten Weltkrieges mit Bronzetafel und Namen der tapferen Soldaten, dann gibt es die Tankstele mit den kleinen Laden unter dem Dach- um dieses Zentrum Einzelhäuser in Holzbauweise , vereinzelt in Stein.- dann gibt es den endlosen Strand mit den hohen Dünen- etwas ganz Besonderes an der Südküste- ausgetrocknete Salzseen, und Wombats und Koalas im Eukalyptushain- und Touristen ?
Es wird aus diesem Bestand keine Stadtentwicklung geben, so reizvoll auch die Aufzählung der kleinen Attraktionen ist. Eine Entwicklung eines dieser Orte wird nur mit einem ganz neuen, in einem die Dimension dieser Orte sprengenden Ansatz möglich sein, um attraktive Orte für die Reisenden zwischen Melbourne und Adelaide oder die zu ihren Booten in die Häfen fahrenden Sonntagsausflügler zu werden –eine Idee im Stile Disneys. ,am Besten: Eine ganz neue Idee !
Eine Entwicklung aus dem Bestand, wie versucht, ist nicht denkbar. Siehe Oben ...